Kategorie: Dokumentation

Stadtrat entscheidet öffentlich über Straßennamen-Umbenennung

Nach jahrelangem „Ringen“ um eine klare städtische Position zur Umbenennung von Straßennamen will der Brucker Stadtrat nun endlich entscheiden. Folgt dem peinlichen Rumgeeiere um Für- und Gegenargumente heuer ein Stadtratsbeschluss, der klare Kante zeigt gegenüber faschistischen Umtrieben damals wie heute? Das „Bündnis FFB ist bunt – nicht braun“ veröffentlichte folgenden Aufruf an alle Brucker Stadträte:
Öffentlicher Aufruf an die Stadträte von Fürstenfeldbruck:
Neonazis, neue und alte Befürworter nationaldiktatorischer und antidemokratischer Parolen sind unter uns und versuchen, ihre Saat von Hass und Intoleranz zu verbreiten. Sie begehen Gewaltverbrechen und bekämpfen die Demokratie. Ihre Ideengeber sind die Täter, Wegbereiter und Fürsprecher des Nationalsozialismus und deutschen Faschismus. Deren Namen sind keine harmlosen Erinnerungsstücke. Mit der Ehrung von Monarchisten oder antiken Feldherren, was dumm genug ist, ist das nicht zu vergleichen. Entscheidend für Benennungen und Umbenennungen ist ihre Bedeutung für die Gegenwart.
Bei den fraglichen Straßennamen geht es um Personen, die an führenden Stellen eng mit Krieg und Faschismus, mit millionenfachen Toten und Gräueltaten verbunden waren. Diesen Umstand darf man nicht herunterspielen. Die deutsche Weltkriegsschuld, die Judenpogrome und Demokratiezerstörung sind nach wie vor nicht ausreichend aufgearbeitet. Nach deren Tätern und Verteidigern benannte Straßen erinnern nicht bloß an eine schlimme Zeit, sie verleihen ihnen eine unangemessene nachhaltige Geltungsmacht. Damit liefern sie den Rechtsaußen-Parteien propagandistisches Futter.
Wollen wir als Eltern unseren Kindern und der Schuljugend ein negativ-trauriges Bild als Unbelehrbare auf den Lebensweg mitgeben? Anstatt ihnen mit der Umbenennung dieser Straßen mit Namen der Opfer des deutschen Faschismus und von Kämpfern für Demokratie, Frieden und Völkerverständigung eine Haltung vorzuleben, die neuen Nazi-Wahnsinn von vornherein verhindern hilft? Wäre es nicht würdelos, wenn wir vor der Uneinsichtigkeit einiger Mitbürger buckeln, anstatt uns achtungsvoll vor den Opfern des Ungeists zu verneigen?
Der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker sagte in einer befreienden Rede 1985: Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.“ Weizsäckers Erbe sollten wir nicht ausschlagen. Was in anderen Städten und Gemeinden schon möglich war, warum sollte das in Fürstenfeldbruck nicht möglich sein? Ehren wir also nicht weiter Vertreter eines menschenverachtenden Systems und ihrer Verbrechen. Befreien wir uns endlich von ihnen, indem wir sie aus unserem Straßenbild entfernen. Dies würde dem Ansehen Fürstenfeldbrucks, das sich gerne als weltoffene Stadt gibt, nicht schaden, sondern es fördern.
Die Verantwortung für eine Straßenumbenennung liegt einzig und allein beim Stadtrat. Er sollte sich hinter niemandem und auch nicht hinter fadenscheinigen Argumenten verstecken. Er hat eine politische Entscheidung zu treffen, die richtungsweisend für die Zukunft ist. Wir fordern alle Räte auf: Machen Sie endlich Schluss damit. Entziehen Sie sich nicht dieser Verantwortung.
Man kann es nachvollziehen, wenn Anwohner Bedenken äußern, weil sie einige Unannehmlichkeiten und/oder bürokratische Probleme sehen. Vielleicht kann ihnen da die Stadt und der Landkreis unbürokratisch entgegenkommen. Aber sie sollten bedenken: Es ist kein Umzug, der Aufwand und die Kosten sind wesentlich geringer.
Wir sind überzeugt, wer heute gerne in der Wernher-von-Braun- oder Hindenburgstraße wohnt, wird das sicherlich auch morgen unter einem anderen Namen gerne tun. Die Sonne über diesen Straßen und über ganz Fürstenfeldbruck würde genau so hell scheinen wie bisher. Doch der braune Schatten der Vergangenheit wäre weg. Es wäre ein wichtiges Zeichen zu einer Zeit, in der Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und neonazistische Gewalt immer dreister, gewaltbereiter und brutaler um sich greifen. Es mehren sich die Zeichen, dass der dumpf-braune Geist erneut auch in Bruck Fuß zu fassen versucht.
Schluss machen mit diesen Ehrungen bedeutet aber nicht Schluss machen mit der Aufarbeitung unserer Geschichte. Sie muss als ehrenhafte Bildungsaufgabe in unseren Schulen umgesetzt werden. Sie ist kein Ersatz für die Umbenennung der Straßen, sondern deren sinnvolle, ja notwendige Ergänzung.
Deshalb, sehr geehrte Damen und Herren Stadträte aller Fraktionen und Herr Oberbürgermeister Raff, fordern wir Sie im Namen der Menschenwürde auf, geben Sie sich einen Ruck und ändern Sie ausnahmslos alle belasteten Straßennamen. Wir werden die Debatte am 24.04. mit großem Interesse mitverfolgen.
Erinnert sei auch an Albert Einstein, den hervorragenden Naturwissenschaftler, Nobelpreisträger und Friedenskämpfer, der das Exil wählen musste, um der Verfolgung durch deutsche Antisemiten zu entgehen. Er sagte zu recht: „Die reinste Form des Wahnsinns ist es, alles beim Alten zu lassen und gleichzeitig zu hoffen, dass sich etwas ändert.“
Unsere Stadt und Jugend brauchen humanistische Vorbilder. Es gibt namhafte Persönlichkeiten, die sich der Nazibarbarei entgegen stellten. Erinnert sei unter vielen anderen an Käthe Kollwitz, Ernst Wiechert und Marion Gräfin Dönhoff. Für eine Neubenennung dieser Straßen mit Namen von antifaschistischen Widerstandskämpfern, von gestrigen und heutigen Opfern faschistischer Gewalt treten wir eindringlich ein.
Darüber hinaus fordern wir die Stadt auf, sich der bundesweiten „Städte-Koalition gegen Rassismus“ anzuschließen sowie internationalen Vorbildern folgend Fürstenfeldbruck zur „Friedensstadt“ zu erklären. Diese Schritte sollten in Zusammenarbeit mit den städtischen Bildungseinrichtungen verwirklicht und anschließend durch sie betreut werden.
Fürstenfeldbruck, 17. April 2018
– Margot Simoneit, im Namen aller Mitglieder im Bündnis „Fürstenfeldbruck ist bunt – nicht braun“ –

Zur Geschichte der Entnazifizierung und bleibende Fragen

Eine kleine Materialsammlung zum Thema.
Aus einem Artikel in der Zeitschrift GEO-EPOCHE: Auf das Schema der Beschuldigung reagieren die Deutschen mit einem Schema der Entlastung. In den Akten finden sich die immer gleichen Wendungen: „… hat sich während der ganzen Jahre vollständig passiv verhalten…eifriger Besucher der Kirche … war ein aufrichtiger und ehrlicher Mensch …nur gezwungen Parteigenosse und nie Gesinnungs-Parteigenosse.“ … Am 5. 3. 1946 erhalten die Deutschen das Mandat, sich selber von ihrer Vergangenheit zu entgiften – mit dem „Gesetz Nr. 104 zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus“, dem so genannten „Befreiungsgesetz“ … Es finden sich nicht viele Deutsche, die bereit sind, über ihre Mitbürger zu richten. Manchem gelten sie als Verräter … Entnazifizierung und Rehabilitierung sind nicht mehr zu unterscheiden … Die Entnazifizierung ist erledigt – lange vor ihrem offiziellen Ende im Jahre 1950. Der beginnende Kalte Krieg lässt sie endgültig erstarren … Offiziell endete die Entnazifizierung in der Bundesrepublik Deutschland im Dezember 1950 per Bundestagsbeschluss …
Quelle: https://www.geo.de/magazine/geo-epoche/10792-rtkl-entnazifizierung-ein-volk-vor-gericht
Erfahrungsberichte: http://www.deutschlandfunk.de/entnazifizierung-nach-1945-bluetenweiss-ins.1310.de.html?dram:article_id=378246
Weitere Quellen: https://www.bpb.de/geschichte/nationalsozialismus/dossier-nationalsozialismus/39605/entnazifizierung-und-erziehung?p=all
Aus einem SZ-Bericht zur Ausstellung „Who was a Nazi? Entnazifizierung in Deutschland nach 1945“ in Alliiertenmuseum Berlin 2015/16: … eine US-Korrespondentin des New Yorker schrieb (in den 40er-Jahren): „Während sie sich in Klagen über Hunger, verlorene Wohnungen und andere Leiden ergehen, bringen die Deutschen für das Leid und die Verluste, die sie anderen zugefügt haben, kein sonderliches Interesse oder Mitgefühl auf.“
SZ-Bericht zur Ausstellung: http://www.sueddeutsche.de/politik/entnazifizierung-wieviel-nazi-steckt-in-deutschland-1.2694869
Ein Buch: Niklas Frank schreibt in seinem Buch „Dunkle Seele, feiges Maul“ über die misslungene Entnazifizierung. Dafür hat er Tausende Akten studiert. Frank ist der Sohn von Hans Frank, Generalgouverneur von Polen, als Kriegsverbrecher bei den Nürnberger Prozessen 1946 gehängt. Er ist bekannt als der „Schlächter von Polen“. Franks Mutter Brigitte galt als „Königin von Polen“. – Der Autor Niklas Frank sagt: „Das ,Aufräumen‘ mit den Juden hat einfach niemanden gekümmert. Die hatten zwar alle ein schlechtes Gewissen, doch über die Abtransporte wurde hinweggesehen – lieber hat man sich aus der verlassenen jüdischen Wohnung die Kommode geholt.“ Für den Autor Niklas Frank war die Entnazifizierung ein Fehlschlag. Ein Gespräch über mangelndes Schuld- und fehlendes Rechtsbewusstsein sowie die Gewissenlosigkeit der AfD heute: http://www.fr.de/kultur/man-haette-die-nazis-dazu-bringen-muessen-ueber-ihre-feigheit-zu-sprechen-a-1020335
Mehr über das Buch und seinen Autor: http://www.deutschlandfunk.de/entnazifizierung-nach-1945-bluetenweiss-ins.1310.de.html?dram:article_id=378246
„War mein Vater ein Nazi? War mein Großvater in der SS? Wer in meiner Familie war ein Täter? Tipps zur Recherche zur eigenen Familie in der NS-Zeit“ – ein Dossier: https://chrismon.evangelisch.de/artikel/2012/was-machte-grossvater-der-nazizeit-eine-anleitung-zur-recherche-15479